Nadyne Saint-Cast Bild: Britt Schilling

Schulausbau: Mehr Gerechtigkeit, Vielfalt und Wahlfreiheit

Die Zahl der Schülerinnen und Schüler in Freiburg steigt stetig an. Besonders Gymnasien können den hohen Bedarf in den nächsten Jahren nicht mehr decken. Die Stadt Freiburg möchte gegensteuern und plant zwei Projekte: die Erweiterung des Berthold-Gymnasiums und ein neues Gymnasium am Tuniberg. Stadträtin Nadyne Saint-Cast begründet in ihrer Rede die Position der Grünen und die Notwendigkeit, die Schulform am Tuniberg vorerst offenzuhalten. 

Rede von Stadträtin Nadyne Saint-Cast zu TOP 24/25 der Gemeinderatssitzung vom 27.05.2020: Ausbau von Gymnasien

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Stuchlik,
liebe Kolleg*innen,

unsere Stadt wächst. Auch aus sich heraus, aufgrund von Geburten. Das ist gut, denn es zeigt die Attraktivität und Dynamik unserer Stadt. Damit unsere Stadt für Familien auch zukünftig attraktiv bleibt, ist der weitere Ausbau von Kitas und Schulen zentral. In den kommenden Jahren haben wir viel vor: Neben dem Neubau der Staudinger Gesamtschule, der bereits in vollem Gange ist, stehen eine Gemeinschaftsschule im Stadtteil Dietenbach sowie die beiden Projekte, die uns heute zur Entscheidung vorliegen – die Erweiterung des Bertold-Gymnasiums und eine weiterführende Schule am Tuniberg – auf der Agenda.

Wir begrüßen es ausdrücklich, dass wir trotz der aktuellen Krise und auch der daraus folgenden finanziellen Ungewissheit trotzdem in unsere Schulen investieren. Dass wir als Stadt – anders als andere Kommunen – keine Schulprojekte stoppen, sondern weiter vorantreiben. Das ist wichtig – für die Zukunftschancen unserer Kinder, aber auch für eine gute, wirtschaftliche Entwicklung unserer Stadt. Denn: Ein gutes Bildungssystem ist die Basis einer dynamischen Wirtschaftsentwicklung.

Ich komme zunächst zur Erweiterung des Bertold-Gymnasiums:

Es ist gut, dass wir an einem bestehenden Gymnasium Platz für einen Erweiterungsbau gefunden haben. In einer flächenarmen Stadt wie Freiburg nicht selbstverständlich. Von bislang 2,5 wird das Gymnasium auf 4,5 Züge erweitert. Wir begrüßen, dass sich die Schule von einem rein altsprachlichen Gymnasium weiterentwickelt hat und nun auch ein naturwissenschaftlich-technisches Profil anbietet. Das ist die Voraussetzung, damit eine Erweiterung funktionieren kann und Schüler*innen sich überhaupt für diese Schule entscheiden. Gut ist, dass der Anbau auch einen Mehrwert für das angrenzende Deutsch-Französische-Gymnasium bringen wird, indem beide Schulen eine gemeinsame Mensa erhalten. Das ist auch angesichts des zunehmenden Ganztagsunterrichts eine wichtige Sache.

Standortfrage/Antrag ESFA:

Auch wir als Fraktion haben uns intensiv mit der Standortfrage beschäftigt. Wir haben uns mit der Initiative Weinarten und deren Argumenten auseinandergesetzt und Verständnis für die berechtigten Anliegen. In der Abwägung haben wir uns jedoch für den Vorschlag der Verwaltung – eine BG-Erweiterung und eine weiterführende Schule am Tuniberg – entschieden. Aus unserer Sicht sprechen folgende Gründe für den Standort Tuniberg:

Die einzige weiterführende Schule (Haupt- und Werkrealschule) musste 2017 mangels Schüler*innen geschlossen werden. Wir haben als Gemeinderat vereinbart, dass wir uns dafür einsetzen werden, dass eine weiterführende Schule in Zukunft wieder eine Chance hat. Voraussetzung ist der Zuzug von Familien, also steigende Kinderzahlen, und damit die Entwicklung von Wohnflächen im Zuge des Tuniberg-Rahmenplans. Damit Familien dann tatsächlich auch nach Entstehen des Wohnraums dort hinziehen, ist ein gutes Schulangebot zentral.

In Weingarten hingegen haben wir die Situation, dass der Stadtteil mit einer Straßenbahn gut angebunden ist und, dass sich vier weiterführende Schulen in unmittelbarer Nähe befinden: die Staudinger Gesamtschule, das Kepler-Gymnasium, die Pestalozzi-Realschule und zukünftig eine große Gemeinschaftsschule im neuen Stadtteil Dietenbach. Aber auch im Stadtteil selbst haben wir in den vergangenen Jahren einen bildungspolitischen Fokus gelegt: Mit dem Neubau und der Sanierung der Adolf-Reichwein-Schule und mit der alltagsintegrierten Sprachbildung in Kitas und Grundschulen. Weingarten ist hier ein Modellstadtteil, in dem wir als Stadt die Sprachbildung im vergangenen Haushalt nochmals intensiviert haben.

Sozialpolitisch ist es ohnehin die Frage, ob es nicht besser ist, dass Kinder aus ihrem Stadtteil herauskommen und auch mal etwas anderes sehen – das hat uns zumindest der Schulleiter der Adolf-Reichwein Schule im ASW berichtet.

Schulform/Grüner Antrag

Aber was uns neben der Standortfrage besonders wichtig ist, das haben wir mit dem vorliegenden interfraktionellen Antrag deutlich gemacht: Dass wir die Schulform offen lassen. Dass wir uns nicht bereits heute auf ein Gymnasium festlegen, sondern auf Basis des Flächenbedarfs einer Gemeinschaftsschule (GMS) mit gymnasialer Oberstufe weiterplanen. Wir wollen, dass die Zeit bis dahin genutzt wird, um uns im Schulausschuss mit der Schulform GMS zu beschäftigen. Dass wir Schulpraktiker*innen aus Gemeinschaftsschulen der Region und Baden-Württemberg einladen, damit uns diese aus ihrem Schulalltag berichten können. Wir wollen die kommende Planungszeit nutzen, um gemeinsam mit den Menschen am Tuniberg ein Bürgerbeteiligungs- und Bürgerplanungsprozess durchzuführen.

Für uns als Grüne steht im Vordergrund, allen Kindern die beste Bildung anzubieten. Auch Eltern wünschen sich genau das: Die beste Bildung für ihr Kind. Wir wollen auch im öffentlichen Schulsystem eine Wahlfreiheit ermöglichen. Klar ist, dass es in Freiburg noch keine öffentliche GMS mit gymnasialer Oberstufe gibt und daher Eltern und Schüler*innen bislang nicht die Wahl haben, ob sie auf ein Gymnasium oder eben auf eine Gemeinschaftsschule mit gymnasialer Oberstufe gehen. Dass Eltern Interesse an Vielfalt unter einem Dach, an längerem gemeinsamem Lernen und individueller Förderung haben, zeigt der enorme Zulauf auf die Privatschulen in Freiburg: 30% der Schüler*innen gehen auf eine private Schule. Viele von ihnen sortieren nicht nach der 4. Klasse, sondern praktizieren längeres gemeinsames Lernen, wie z.B. die Waldorfschulen oder die ev. Montessori-Schulen. Wir wollen diese Wahlfreiheit allen Kindern eröffnen und nicht nur denjenigen, die sich eine Privatschule leisten können.
Gemeinschaftsschulen bieten insbesondere für die Tuniberggemeinden den Vorteil, dass alle Bildungsabschlüsse unter einem Dach angeboten werden und damit lange Fahrtwege vermieden werden können. Und, dass Schüler*innen in 9 Jahren ihr Abitur erreichen können, was enorm nachgefragt ist und übrigens auch der Opfinger Ortschaftsrat in seiner Stellungnahme gefordert hat. Und GMS hat den Vorteil, dass die Hausaufgaben an der Schule erledigt und damit Familien entlastet werden.

Gerade in der Corona-Krise zeigt sich: Individuelle Förderung und eigenständiges Lernen, also zentrale Bausteine der Gemeinschaftsschulen, haben einen Vorteil.

In Deutschland wie auch in Freiburg sind soziale Herkunft und Bildungserfolg immer noch stark miteinander verknüpft. Laut OECD ein Grund: Die frühe Selektion im deutschen Bildungssystem. Als Schulträger können wir nicht alles beeinflussen, das ist klar. Aber liebe Kolleginnen und Kollegen, lasst uns unseren Spielraum als Schulträger für mehr Bildungsgerechtigkeit nutzen. Lasst uns gemeinsam mit den Menschen am Tuniberg und den angrenzenden Landkreisen schauen: Was ist das beste Angebot für den Tuniberg? Wie können wir auch im öffentlichen Bildungssystem mehr Bildungsgerechtigkeit, Vielfalt und Wahlfreiheit erreichen und allen Kindern ein bestmögliches Bildungsangebot unterbreiten. Deswegen: Lasst uns heute die Schulform offenhalten und die kommenden 8-10 Jahre nutzen, um gemeinsam mit den Menschen vor Ort zu überlegen, welches das beste Schulangebot für alle Kinder am Tuniberg ist.

Vielen Dank!

 

Hier finden Sie unseren interfraktionellen Änderungsantrag.

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