„Wir brauchen einen Plan B“

Clubs und Musikspielstätten sind von Corona hart getroffen – in anderen Stätten haben bereits die ersten Spielstätten aufgegeben. Wir haben deshalb erfolgreich beantragt, dass die Stadt vor der Sommerpause ein Förderprogramm erarbeitet. Denn wenn die Förderprogramme von Bund und Land nicht ausreichen, benötigen wir einen Plan B – so unser Stadtrat Timothy Simms.

Rede von Stadtrat Timothy Simms zu TOP 9 der Gemeinderatssitzung vom 30.6.2020: Kultur- und Kreativwirtschaft

Sehr geehrter Oberbürgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren,

Stadtrat Timothy Simms (Bild: Britt Schilling)

Es gibt Abende, an die erinnert man sich noch in Jahren. Und Orte, die man damit verbindet, weil man musikalische Enddeckungen gemacht hat, man nette Menschen getroffen hat, gute Gespräche geführt hat und in eine unerklärliche Stimmung eingetaucht ist. Manchmal eins wurde mit dem Beat, zu dem man sich bewegt. Songzeilen, die einem lang in Erinnerung bleiben. Ein Stream ist nicht das gleich, wie im Moment zu sein. The Time is now. Momentan fehlt das. Vielen.

Die Drucksache, die uns vorliegt, ist noch vor Corona-Zeiten entstanden und zeigt auf, dass die FWTM sich in vielfacher Weise für Kultur- und Kreativwirtschaft einsetzt. Es war richtig, dass wir aus dem Gemeinderat heraus darauf gedrungen haben, dieses wichtige Feld zu beackern und wir freuen uns, dass dies zu einem der Felder geworden ist, in dem die FWTM sich vielfältig engagiert. Gut auch, dass der Gemeinderat dieses Feld durch die Einrichtung des Popbeauftragten noch weiter gestärkt hat. Vielen Dank an die Beteiligten in der FWTM für ihr Engagement und den ausführlichen Bericht. 

Die Corona-Krise hat nun aber zu einer vollkommen neuen Situation geführt und deshalb haben wir bereits vor zwei Wochen darum gebeten, heute einen aktuellen Stand zur Lage von Clubs und Musikspielstätten vorzulegen. Dieser liegt leider bislang nicht vor. (Wenn nun die Verwaltung anführt, es ginge nicht so schnell, sich einen Überblick zu verschaffen, frage ich mich, warum man diese zwei Wochen nicht dafür genutzt hat) 

Während manche Branchen nun wieder den Betrieb hochfahren können, sind andere immer noch hart getroffen. Alles, was mit Veranstaltungen zu tun hat, leidet darunter, dass aufgrund von Corona-Verordnung und Hygienevorschriften ein normaler Betrieb aktuell nicht möglich ist und unklar ist, ob und wann dieser wieder möglich sein wird. Vom Theater über den Tanz bis zur Musik. Wir werden im Herbst darüber sprechen müssen, wie es mit er Kultur insgesamt und den zahlreichen Einrichtungen weitergeht. Im letzten Gemeinderat haben wir hierzu ja einen Antrag der SPD/Kulturliste gehabt, der das Antragsverfahren zum kommenden Doppelhaushalt öffnen will. Wir werden in diesem Zusammenhang auch darüber zu sprechen haben, ob hier auch vor dem Doppelhaushalt Hilfen für Kultureinrichtungen über das, was Bund und Land machen, kommen müssen. Aber: Kultur ist nicht nur das, was in der Zuschussliste des Kulturamts aufgeführt ist.

Denn ganze Bereiche der Kultur laufen ohne staatliche Zuschüsse. Sie finanzieren sich alleine über die, die Veranstaltungen besuchen. Besonders hart trifft es daher vor allem Clubs und Musikspielstätten. Und jene, die hier zuarbeiten: Als Tontechniker*innen, Musiker*innen und Veranstalter*innen. Corona ist hier ein Krisenbeschleuniger: Über Clubsterben wurde bekanntlich auch schon vor Coronazeiten diskutiert. 

Am Wochenende kam aus Heidelberg eine Hiobsbotschaft: Die Halle 02 verabschiedet sich als Ort für Konzerte und Clubabende. Wenn man sich in der Branche umhört, gehen viele von einer Schliessungs- und Insolvenzwelle im Herbst aus. Und das wäre verheerend. Gerade für eine junge Stadt wie Freiburg, die um ihrer Attraktivität willen, Angebote in diesem Bereich benötigt. Denn: Wenn Kulturorte verschwinden, dann entsteht oft nichts neues, sie sind einfach weg. Gerade in einer Stadt, in der Flächen rar sind und dann anderen Nutzungen zugeführt werden.

Deshalb nutzen wir diesen Sachstandsbericht zur Kultur- und Kreativwirtschaft, um auf die aktuelle Situation einzugehen. Auch wenn der Bund ein Hilfsprogramm angekündigt hat: Wir wissen nicht, ob es ausreicht. Deshalb sollte vor der Sommerpause noch über ein Hilfsprogramm für Musikspielstätten und Clubs diskutiert werden und dieses dann auch gegebenfalls beschlossen werden. Zwei Punkte sind uns dabei besonders wichtig:

1. Räume sichern. Ich habe es schon angesprochen: Wenn kulturell genutzte Räume wegbrechen, fehlen sie. Ersatz ist nicht in Sichtung Freiburg ist schon jetzt unterversorgt. Ein Grund dafür, dass Multicore sich für ein Musikerhaus einsetzt. Wenn wir jetzt – durch Corona weitere Räume verlieren – verschärfen wir diese Situation. Und die Stadt wird nicht die Mittel haben, um Ersatz zu bauen. Deshalb sollten wir jetzt alles unternehmen um Räume zu erhalten. Gerade bei privatwirtschaftliche betriebenen Spielstätten sind die Raumkosten eine große Belastung in der Krise. Wir hoffen hier auch, dass Vermieter ihren Anteil leisten. Klar ist: Es kann nicht allen geholfen werden. Aber es sollte denen geholfen werden, die in den letzten Jahren auf eigenes Risiko und mit viel Leidenschaft, ihre Räume für Kultur geöffnet haben und z.B. Livemusik veranstaltet haben.

2. Veranstaltungen ermöglichen. Wenn Veranstaltungen sich über Eintritte refinanzieren, liegt eines auf der Hand: Es macht einen Unterschied, ob man 50 Leute im Haus hat oder 250. Die aktuellen Hygienevorschriften und Abstandsgebote führen daher zu einer Verschiebung: Veranstaltungen, mit denen man vielleicht früher Gewinne machen konnte, rentieren sich nicht mehr. Veranstaltungen, bei denen man vielleicht null-null rauskam, machen Miese. Welcher Veranstalter wird in der aktuellen Situation noch Konzerte mit Bands machen, bei denen er irgendein Risiko eingeht? Es droht eine ziemlich Verarmung des kulturellen Lebens. Das wollen wir nicht. Die Veranstalter selbst sind motiviert, Programm zu machen, das ist schliesslich ihr Beruf und ihre Leidenschaft. Aber mit der Schere im Kopf und der ständigen Angst, die eigene wirtschaftliche Situation zu verschlechtern, lässt sich kaum Programm machen. Hier könnte eine Risikoabsicherung helfen.

Es ist noch unklar, wie die Milliarde für die Kultur, die der Bund im Konjunkturpaket angekündigt hat, verteilt wird. Wir wissen um die schwierige finanzielle Situation der Stadt und hoffen natürlich, dass diese Bundesmittel möglichst viel auch in Freiburg abdecken. Es kann sein, dass wir im Juli ganz entspannt dasitzen und sehen, dass ein kommunales Programm garnicht nötig ist.

Aber für den Fall, dass diese nur ungenügend den weg nach Freiburg finden, brauchen wir einen Plan B. Ein kommunales Hilfsprogramm, das wir dann Ende Juli beschliessen. Andere Ebenen – Bund und Land bekommen es auch hin, in kurzer Zeit Förderprogramme zu entwickeln. 

The Time is now. Damit wir im nächsten Jahr – wenn hoffentlich ein Impfstoff verfügbar ist – in Freiburg tolle Clubabende feiern können und neue Bands entdecken können und nicht vor verschlossenen Türen stehen, weil uns liebgewordene Orte dichtgemacht haben.

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