Leuchtturmschule für Dietenbach

Es ist in trockenen Tüchern: Dietenbach bekommt eine Gemeinschaftsschule mit gymnasialer Oberstufe – ein Meilenstein für mehr Bildungsgerechtigkeit in Freiburg und unserer Region. Wir begrüßen die Planungen und beantragen zusätzlich, einen Musik- und Proberaum in der Schule zu verankern.

Rede von Stadträtin Vanessa Carboni zu TOP 8 der Gemeinderatssitzung am 02.02.2021: Gemeinschaftsschule Dietenbach

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Horn,
sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Stuchlik,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Anwesende,

Stadträtin Vanessa Carboni (Bild: Britt Schilling)

erinnern Sie sich noch an Ihre Einschulung und die Schultüte? An die stolzen Blicke der Familie, an das Gefühl, jetzt in die Welt der Großen zu starten?
Ich startete mit all meinen italienischen Freundinnen in einer Grundschule bei Stuttgart – mit einer Tabaluga Schultüte übrigens – voller Neugier und Zuversicht. Vier Jahre später war ich die einzige von ihnen, die es ans Gymnasium schaffte. Nicht, weil ich besonders begabt war oder die anderen weniger geeignet – sondern weil nachweislich immer noch das Elternhaus dafür verantwortlich ist, auf welchem Bildungsweg man in Deutschland landet!

Diese viel zu frühe Trennung im Alter von 10 Jahren, das Aussortieren in Hauptschule, Realschule oder Gymnasium war für uns Kinder schlimm. Manche der Hauptschüler*innen brauchten das ganze 5. Schuljahr, um sich wieder etwas zuzutrauen, manche fühlen sich bis zum Schluss als Schüler*in zweiter Klasse. Übrigens: OECD-weit wird nur noch in Deutschland und Österreich nach der vierten Klasse in unterschiedliche Schultypen „sortiert“. Ein Relikt aus der Ständegesellschaft, welches hier oft stark verteidigt wird – völlig zu Unrecht: Denn andere Länder – vor allem die PISA-Sieger – beweisen: Länger gemeinsames Lernen ist der Weg, der allen Kindern – ob Überflieger*innen oder Spätstartende – am ehesten gerecht wird!

Deswegen wurde 2012 in BW die Gemeinschaftsschule (GMS) als zeitgemäße Antwort auf die Bildung des 21. Jh. eingeführt! Sie ist ein wichtiger Baustein des Schulsystems, welche per se inklusiv ist und besonders individuelle Förderung in den Mittelpunkt stellt und dabei offene Bildungswege ohne Barrieren ermöglicht – alles unter einem Dach!
Sie hat jenseits von Schulnoten einen umfassenderen Begriff von Bildung, motiviert und unterstützt alle Kinder in ihrer differenzierten Persönlichkeitsentwicklung und hat den Vorteil, dass die Hausaufgaben an der Schule erledigt und damit nicht nur die Kinder, sondern auch Familien entlastet werden. Das bedeutet freie Abende mit Freund*innen, Familie und Vereinen! Trotz der bisherigen Erfolge dieser sozial gerechten Schulart in BW, gibt es natürlich auch hier auf Landesebene noch einiges zu perfektionieren – aber wir alle sind ja mal aus unseren Kinderschuhen herausgewachsen! Da bleibe ich also geduldig und optimistisch! Und dabei halte ich auch gerne an meiner langfristigen Vision fest: Eine 2-Säulen-Schulsystem-Lösung für BW, wie sie in Schleswig Holstein schon lange erfolgreich existiert: Auf der einen Seite das Gymnasium, welches elitären Bildungsansprüchen nach 8 Jahren Abitur gerecht wird. Und auf der anderen Seite die GMS, welche einen breiteren Begriff von Bildung und Entwicklung des Kindes lebt und nach 9 Jahren das Abitur ermöglicht. Aber das liegt hier nicht in unseren Händen. Richten wir also lieber den Blick auf unsere Gestaltungsmacht hier in Freiburg!

Nicht nur wir Grüne begrüßen und unterstützen die Einführung einer GMS mit gymnasialer Oberstufe in Dietenbach ausdrücklich, sondern auch der Gesamtelternbeirat, das Regierungspräsidium, viele zivilgesellschaftliche Akteur*innen….Beim Konzept merkt man, dass eng mit Profis aus der Praxis zusammen gearbeitet worden ist! Denn die pädagogische Schwerpunktsetzung für die Gemeinschaftsschule mit gymnasialer Oberstufe in Dietenbach überzeugt auf ganzer Linie:

  • Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) wird die erste Schwerpunktsäule der neuen Schule und ist damit ein essentielles pädagogisches Fundament für die Stärkung von zukunftsfähigem Denken und Handeln. Im Fokus steht der bewusste und nachhaltige Umgang mit Energie und Ressourcen und wird nicht nur ganz nah im klimaneutralen Stadtteil für die Schüler*innen erforschbar, sondern auch in der Schule selbst sichtbar, beispielsweise im eigenen Schulgarten.
  • Die zweite Schwerpunktsäule ist der Fokus auf die musikalische Bildung. Sie fördert nachweislich Kreativität und Lernleistung und ist ein wichtiger Bestandteil für die Entwicklung der Kinder. Die Zusammenarbeit mit der Musikschule, Chören und Co schafft gelebte kulturelle Bildung und hat Strahlkraft in den kompletten Stadtteil! Dafür stellen wir Grüne einen besonderen Antrag: Die Verankerung eines Musik- und Proberaumes in der Schule für die musikalische Vernetzung in die ganze Stadt hinein.

Wir freuen uns auch sehr, dass unsere Vorschläge bezüglich einer Prüfung einer zusätzlichen Oberstufe und einer weiteren Fremdsprache von der Verwaltung übernommen worden sind. Wichtig zu betonen ist, dass unser ganz besonderer Dank unserer Bildungsbürgermeisterin Frau Stuchlik gilt – ihre langjährige Mühe und Engagement für echte Bildungsgerechtigkeit wird nun Realität und in Beton gegossen! Herzlichen Dank für Ihre Ausdauer, Kooperation und Hingabe für dieses ganz besondere Bildungsprojekt für Freiburg! Danke, dass wir nun heute diese historische Chance haben, Freiburg mit solch einer großartigen Schule auszustatten!

Wieso ist dies so bedeutend? 3 Gründe sind dabei entscheidend:

  1. Vielfalt unter einem Dach! Weil alle gemeinsam die Statteilschule in Dietenbach besuchen werden, schaffen wir es nicht nur, unsere vielfältige und bunte Gesellschaft besser abzubilden, sondern langfristig Respekt, Anerkennung und Verständnis für andere Lebenswelten zu fördern. Und nebenbei schaffen wir auch noch kurze Fahrwege und haben so einen ökologischen Gewinn!
  2. Echte Wahlfreiheit! Denn aktuell haben wir hier in der Region keine GMS + O im öffentlichen System! Und dass Eltern Interesse an individueller Förderung und Abitur nach 9 Jahren haben, zeigt der enorme Zulauf auf die Privatschulen in Freiburg: 30% der Schüler*innen gehen auf eine private Schule. Viele von ihnen sortieren nicht nach der 4. Klasse, sondern praktizieren längeres gemeinsames Lernen, wie z.B. die Waldorfschulen oder die ev. Montessori-Schulen. Wir wollen diese Wahlfreiheit allen Kindern eröffnen und nicht nur denjenigen, die sich eine Privatschule leisten können.
  3. Gelebte Chancengleichheit! Die Durchlässigkeit unter einem Dach lockert und löst bestehende soziale Ungleichheiten. Dies führt zu mehr individueller Gerechtigkeit und zu einer erfolgreichen Ausschöpfung der Bildungspotenziale unserer Gesellschaft! Es wird wirklich Zeit, dass wir hier in Freiburg endlich nachziehen! Denn bestehende GMS+O räumen einen Schulpreis nach dem nächsten ab und beweisen, dass Chancengerechtigkeit vor Ort realisierbar ist! Jetzt liegt es an uns, heute diese historische Gelegenheit für eine Leuchtturmschule für unseren Stadtteil Dietenbach zu nutzen!

Deswegen bitte ich Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen – bringen Sie Licht in das vorherrschende Dunkel – und lassen Sie uns heute gemeinsam die Entscheidung treffen, unsere Region mit mehr Bildungsgerechtigkeit erstrahlen zu lassen.
Vielen Dank!