Care-Berufe: Was ist uns gute Pflege wert?

Sie sind die Heldinnen und Helden dieser Tage, dabei waren sie es schon immer: Pflegefachkräfte arbeiten seit Jahren am Limit, aber erst die Corona-Krise zeigt vielen, wie systemrelevant Care-Berufe wirklich sind. Applaus und Sonderprämien reichen nicht, um die Arbeitsbedingungen in der Pflege nachhaltig zu verbessern. Um zu erfahren, was es wirklich braucht, sprach die Grüne Gemeinderatsfraktion mit Betroffenen.

Die Corona-Krise rückt Berufe in den Fokus, um die sich seit Jahren nicht ausreichend gekümmert wurde. Besonders im Bereich der Pflege zeigen sich die Missstände nun deutlicher denn je. Doch statt die vorhandenen Fachkräfte mit allen Mitteln zu unterstützen, verlangen wir selbst jetzt zu viel von diesen Berufen ab: Ausgesetzte Personaluntergrenzen, gelockerte Arbeitszeitenregelungen und fehlende Schutzkleidung verschlimmern vielerorts die bereits prekäre Situation. Bislang gab es in diesen Zeiten nur warme Worte und das Versprechen nach Sonderprämien. Stadträtin Pia Maria Federer gibt zu bedenken: „Einmalzahlungen sollen nicht zum Trostpflaster werden und überdecken, dass höhere Entgelte und bessere Arbeitsbedingungen nötig sind.“

Am Internationalen Tag der Pflege organisierte die Grüne Gemeinderatsfraktion ein Webinar, um mit Betroffenen ins Gespräch zu kommen und zu erfahren, was Pflegekräfte wirklich brauchen. Der dringlichste Wunsch: bessere Arbeitsbedingungen. Die Forderungen unterstützte die eingeladene Referentin Dr. Uta Meier-Gräwe, emeritierte Professorin und Expertin im Bereich der Care-Arbeit, mit entsprechenden Zahlen: So habe Deutschland im internationalen Vergleich seit Jahren eine extrem schlechte Personalbemessung bei den Pflegefachkräften und Hebammen. Auf lediglich eine Fachkraft kommen 13 Patient*innen. Die Arbeitsbelastung wird durch Bereitschaftsdienste, lange Schichten und zu wenig Wertschätzung verstärkt. Eine Teilnehmerin berichtet von stetigen Rufbereitschaften am Wochenende, feiertags und Weihnachten. Zusammen mit dem Schichtsystem sei der Beruf mit einem Familienleben nicht vereinbar. Viele steigen aus und der Druck auf bestehende Fachkräfte nimmt zu.

Anstatt sich dieser Probleme anzunehmen, wurde der Notstand mit Personal aus anderen Ländern zu kompensieren versucht. An den bestehenden Missständen änderte sich jedoch nichts. Im Gegenteil warb man damit sogar Fachkräfte ab, die in ihren Herkunftsländern dringend benötigt werden. Die Hoffnung, dass die Erfahrungen mit Covid-19 zumindest jetzt zu besseren Arbeitsbedingungen in der Pflege führen, ist groß. Einmalige Sonderzahlung wünschen sich die Pflegenden jedoch nicht, dafür eine nachhaltige Entlastung, mehr Wertschätzung und eine bessere Entlohnung.

Dr. Uta Meier-Gräwe betont, dass eine finanzielle Aufwertung der Sorgeberufe zwingend notwendig sei. In Deutschland werde die bezahlte Care-Arbeit zu über 80 % von Frauen geleistet, zusätzlich stemmen Frauen weltweit täglich über 12 Milliarden Stunden unbezahlte Pflegearbeit obendrauf. Allein in Deutschland führe das jeden Tag zu einer Stunde (unbezahlter und bezahlter) Arbeit mehr im Vergleich zu Männern, während das weibliche Einkommen im Schnitt 21 % geringer ausfällt. Hinzu kommt ein erschreckendes Armutsrisiko: Hochrechnungen zufolge werde bei bis zu 75 % der heute 35- bis 50-jährigen Frauen die gesetzliche Rente unter dem jetzigen Hartz-IV- Niveau liegen. Zustände, die nicht länger hinzunehmen sind. Damit auch in der Zeit nach Covid-19 über Sorgeberufe und ihre finanzielle Aufwertung gesprochen wird, braucht es laut Meier-Gräwe, Einmischung. Zu fordern sei eine zusammenhängende Strategie zur nachhaltigen Aufwertung der Care-Berufe und einen neuen Produktivitätsbegriff. Denn die Arbeit am Menschen ist mindestens genauso wichtig, wie die Arbeit an Maschinen!

„Mittlerweile stehen die wirtschaftlichen Folgen der Krise im Mittelpunkt. Wir befürchten, dass wir nur ein sehr enges Zeitfenster zur Verfügung haben, um über bessere Arbeitsbedingungen und Löhne in der Pflege zu diskutieren,“ so Federer. Wir fordern daher mehr als leere Worte: „Wir müssen die Finanzierung unseres Gesundheitswesens auf sichere Füße stellen, denn ein Gesundheitssystem, das auf Kante genäht ist, statt sich an menschlichen Bedürfnissen zu orientieren, können und sollten wir uns als Gesellschaft nicht leisten,“ meint Stadtrat Jan Otto.

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