„Bildungsbericht zeigt, dass eine der großen Freiburger Stärken im zügigen Ausbau der Betreuung von unter-dreijährigen Kindern besteht“

Rede von Stadträtin Birgit Woelki zu TOP3 der Gemeinderatssitzung am 20. März 2018: 4. Freiburger Bildungsbericht

Herr Oberbürgermeister,
Frau Bürgermeisterin Stuchlik,
meine Damen und Herren!

Auch 17 Jahre nach PISA sind die zentralen Befunde dieser Studie weiterhin aktuell: Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg ist in Deutschland immer noch offensichtlich. In keinem anderen OECD-Land sind Schulkarrieren so abhängig vom Elternhaus wie hier bei uns. In den letzten Jahren gab es zwar Fortschritte, aber von einer Entkoppelung von sozialer Situation und Bildungserfolg kann immer noch keine Rede sein.

Stadträtin Brigit Woelki (Bild: Britt Schilling)

Um die Teilhabechancen von Kindern aus sogenannten „bildungsfernen Milieus“ zu erhöhen, haben wir in Freiburg frühzeitig begonnen gegenzusteuern. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Freiburger Teilhabepaket, das allen Schulen ab Klasse 1 zur Verfügung steht. Ein Instrument lernen, Sport machen, Theater spielen – was von zuhause aus nicht geht, wird in der Schule zur Verfügung gestellt (und von der Stadt schnell und unbürokratisch finanziert). So kommen Kinder unabhängig von ihrer sozialen Situation in den Genuss von Sprachförderung, Bewegungsangeboten oder kultureller Bildung.

Und genau dafür ist Bildungsberichterstattung notwendig. Freiburg gehört zu den wenigen Städten bundesweit, die schon vor 10 Jahren damit begonnen haben, ihre Bildungslandschaft systematisch zu analysieren. Diese datenbasierten Untersuchungen identifizieren Stärken und Schwächen der lokalen Bildungsangebote und geben Hinweise darauf, wo dringender Handlungsbedarf besteht.

Unser interfraktioneller Antrag schlägt daher vor, die dafür notwendigen Daten kleinräumiger zu erheben, um wirkliche „Sozialräume“ abbilden und gezielter intervenieren zu können. Dies könnte zum Beispiel auch wichtig werden für die Neuausrichtung der Quartiersarbeit und die Bedeutung oder Vernetzung non-formaler Bildungsangebote im Sozialraum.

Der aktuelle 4. Bildungsbericht zeigt, dass eine der großen Freiburger Stärken im zügigen Ausbau der Betreuung von unter-dreijährigen Kindern besteht. Hier werden sehr früh die Weichen für eine mehr oder weniger erfolgreiche Bildungsbiografie gestellt. Gerade bei über einem Drittel Kindern mit Migrationsgeschichte in Freiburger Kitas ist dies die beste Gelegenheit, Sprachkompetenz zu entwickeln.

Zweiter Pluspunkt: Die Integration von 1.200 geflüchteten Kindern und Jugendlichen ins Freiburger Schulsystem – das ist nicht nur eine große logistische, sondern vor allem auch eine pädagogische Leistung! Gleichzeitig aber auch eine der größten Herausforderungen.

Denn zu den im Bildungsbericht benannten „migrationsbedingten Benachteiligungen“ gehört auch, dass jedes vierte Kind bei der Einschulungsuntersuchung die Sprache „nicht altersgemäß“ beherrscht. Dies betrifft übrigens nicht nur Kinder aus Migrantenfamilien, sondern auch aus deutschsprachigen Elternhäusern, in denen – lt. Berichten von Erzieherinnen –  Kinder „verstummen“, weil zuhause kaum noch kommuniziert wird.

Für uns heißt das in der Konsequenz: Das erfolgreiche Pilotprojekt „durchgängige Sprachbildung“, das wir nach dem 3. Bildungsbericht in Zähringen und Landwasser gestartet haben, muss auf andere Quartiere ausgeweitet und verstetigt werden – und zwar dort, wo dringender Handlungsbedarf besteht.

Offene Fragen, die noch geklärt werden müssen:

  1. Die Bildungsverläufe von Jungs: Was wird unternommen, damit sie nicht zu Verlierern im System werden?
  2. Warum verlassen 6% aller Schulabgänger in Freiburg die Schule ohne Abschluss?
  3. Wieso werden 30% der dualen Ausbildungsverhältnisse vorzeitig abgebrochen? Was läuft da schief? Hier sind auch die Kammern gefragt.
  4. Warum werden immer mehr Kinder in Freiburg in Privatschulen angemeldet? Und wie hoch sind dann die Rückschulungen ins staatliche System?

Dies ist nur ein Teil der noch zu klärenden Fragen. Bei den Vorberatungen im Ausschuss für Schulen und Weiterbildung wurde zugesagt, dass das Bildungsmanagement die vorliegenden Befunde des Bildungsberichts auswerten und einen Maßnahmenkatalog entwickeln wird.

Wir hoffen, dass dies zeitnah geschieht und sind gespannt auf die Vorlage!

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.

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