„Moratorium macht es weder besser noch billiger“

Im Stühlinger wird das Quartier „Im Metzgergrün“ neu gebaut: über 500 Wohnungen entstehen, davon die Hälfte im geförderten Mietwohnungsbau. Nicht zuletzt aufgrund unzureichender Kommunikation gab es viel Aufregung um den Abriss der Bestandsbebauung. Stadtrat Lars Petersen erklärt in seiner Rede, warum wir heute den Bebauungsplan beschließen und uns der Forderung nach einem Moratorium nicht anschließen.

Rede von Stadtrat Lars Petersen zu TOP 18 & 19 der Gemeinderatssitzung vom 12.07.2022 „Metzgergrün: Satzungsbeschluss Bebauungsplan & Feststellungsbeschluss Änderung Flächennutzungsplan“ (G-22/063 & G-22/081)

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

sowohl der Baubürgermeister als auch Günter Rausch haben soeben Winston Churchill zitiert. Ich möchte auch zitieren… nämlich mich…

Am 05.10.2021 habe ich zum Bauvorhaben Metzgergrün folgendes gesagt:

Stadtrat Lars Petersen (Bild: Britt Schilling)

„Das Bauvorhaben Metzgergrün der Freiburger Stadtbau, über das wir heute beraten, will der ‚Verknappung von Wohnraum im Stadtgebiet‘ durch die Schaffung von ‚kostengünstigem, öffentlich geförderten Wohnungen auf stadteigenen Flächen‘ entgegenwirken, um das ‚Plangebiet zu stabilisieren’und den ‚Stühlinger zu stärken‘ – sämtlich Zitate aus der Beschlussvorlage. Wer kann da etwas gegen haben? Warum ist dieser TOP dann nicht ‚o.D.‘?“

Soweit mein Zitat.

Ich habe damals kurz noch etwas zur Historie ausgeführt. Hier deshalb nur in aller Kürze. Bereits 2006 gab es Hinweise darauf, dass im Metzgergrün Abriss und Neubau eine sinnvolle Option sein könnten. Aus dem Quartier heraus wurden zwei Machbarkeitsstudien in Auftrag gegeben. Seit Frühjahr 2015 ist klar, dass es auf Neubauten auf dem Wohnmobilstellplatz und längerfristig den Abriss des alten Metzgergrüns und die Errichtung von Neubauten hinauslaufen wird.

Der einstimmig und unter Mitwirkung des Quartiersrates gekürte Siegerentwurf der Mehrfachbeauftragung wurde dann im April 2017 vorgestellt, im Oktober 2021 haben wir die Offenlage beschlossen und heute geht es – parallel neben der Änderung des Flächennutzungsplans – um den Satzungsbeschluss des Bebauungsplans.

Vorab: wir werden dem natürlich zustimmen. Nach wie vor ist „Wohnen“ die soziale Frage der Zeit, weshalb an der Kombination aus Innenentwicklung und ggf. auch dem Neubau eines ganzen Stadtteils kein Weg vorbeiführt.

Wer gelegentlich durch das Metzgergrün radelt, findet eine Idylle vor. Eine Wohninsel mit langjähriger Bewohnerschaft und gutem nachbarschaftlichem Miteinander.

In der Tat kann man sich fragen – „warum soll das zerstört werden?“.

Diese Frage stellt sich aber nur auf den ersten Blick. Sie ist auch bereits seit langem beantwortet:

Die erforderlichen Aufwendungen für zeitgemäßen Schall- und Brandschutz sowie Erdbebensicherheit, um nur diese Aspekte zu nennen, wären schon vor Jahren so teuer gewesen, dass eine Sanierung der Bestandsgebäude wirtschaftlich nicht darstellbar war und auch weiterhin ist. Vom zeitgemäßen Zuschnitt der Wohnungen – familiengerecht! – oder der Barrierefreiheit ganz zu schweigen.

Und eine Sanierung des Bestands würde auch in Zukunft nicht billiger werden. Die Baupreise für Wohngebäude sind im Mai 2022 um 17,6 % gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen – die höchste Steigerung seit 1970, die älteren unter uns werden sich erinnern. Und man glaube doch bitte nicht, dass die Baukostensteigerung angesichts von Inflation, Fachkräftemangel und allgemein mit einem realistischen Blick auf das, was gerade auf der Welt passiert, künftig geringer ausfallen wird. Deshalb ist es auch richtig, jetzt mit der Umsetzung der bisherigen Planungen wie beabsichtigt weiter zu machen.

Und noch ein Satz zur „grauen Energie“:

Bei der Frage, ob ältere Gebäude saniert oder abgerissen und neu gebaut werden sollen, wird und muss künftig das Thema „graue Energie“ noch stärker in den Entscheidungsprozess einbezogen werden. Bei uns rennt man damit offene Türen ein. Der Aspekt der grauen Energie ist aber – trotz aller Wichtigkeit – nur ein Aspekt, der in die Abwägung über den Bau eines neuen Wohngebietes mit einzufließen hat. Und da darf man dann schon auf die momentan eher sub-optimale Energiebilanz der Bestandsgebäude hinweisen.

Im Metzgergrün werden 25 % der Häuser komplett und ein nicht geringer Teil zumindest teilweise aus Holz gebaut werden. Lediglich direkt an der Bahnlinie ist dies aus Gründen des Lärmschutzes nicht möglich. Auch das Thema graue Energie ist daher nach unserer Auffassung in ausreichendem Maße berücksichtigt und taugt deshalb nicht, jetzt – bei bereits stark fortgeschrittener Planung – eine Vollbremsung hinzulegen.

Ein einjähriges Moratorium für die dem jetzt bereits im Bau befindlichen 1. Bauabschnitt folgenden Bauabschnitte halten wir deshalb für falsch: dadurch wird es weder besser noch billiger – im Gegenteil.

Wir sind stattdessen auch weiterhin der Auffassung, dass es jetzt wie geplant weitergehen sollte. Freuen wir uns auf über 500 Wohneinheiten, 50 % davon gefördert, Dachbegrünungen, Solaranlagen, eine grüne Quartiersmitte – und vieles mehr. Hoffen wir im Sinne des „alten“ Metzgergrüns auf ein Metzgergrün 2.0.

Wir stimmen den beiden Beschlussvorlagen deshalb zu.

Vielen Dank!