„Aufarbeitung der eigenen Kolonialgeschichte entschieden angehen“

Ein wichtiger weiterer Schritt zur Aufarbeitung der Kolonialgeschichte hat der Gemeinderat heute beschlossen: Dass berechtigte Wünsche nach Rückgabe von Kulturgütern stattfinden sollen.

Rede von Stadtrat Timothy Simms zu TOP 10 der Gemeinderatssitzung am 5.10.2021: „Umgang und Verfahren dazu Provenienzforschung und Restitution musealer Bestände

Städtepartnerschaften verbinden Freiburg, Menschen begegnen sich, tauschen sich aus, im Dialog lernen wir von einander. 

Auch früher war Freiburg mit der Welt verbunden, allerdings nicht aus dem Geist der Freundschaft und der Humanität. 

Der Wirt des seinerzeit beliebten Gasthauses zum Amerika wurde als Sklaventreiber in einer niederländischen Kolonie vermögend. Badische Soldaten dienten in den sogenannten Schutztruppen in den deutschen Kolonien. Offiziere und Kolonialbeamte trugen maßgeblich zum Aufbau der heutigen ethnologischen Sammlung bei. Wie wir inzwischen wissen, war die Begeisterung für Kolonien in allen Schichten und Milieus der Freiburger Bevölkerung groß. Der Gemeinderat kann zurecht stolz sein, dass Freiburg seit dem interfraktionellen Antrag aller damals im Gemeinderat vertretenen Fraktionen die Aufarbeitung der eigenen Kolonialgeschichte entschieden angegangen ist. Ich selbst beschäftige mich seit zehn Jahren mit dem Thema und möchte mich an dieser Stelle bei allen bedanken, die diesen Weg mitgegangen sind, hier in der Zivilgesellschaft, in Stadtverwaltung und Museen und im Gemeinderat. Es ist schon eine besondere Qualität, in welch großem politischen Konsens wir dieses Thema vorangebracht haben.  

Stadtrat Timothy Simms (Bild: Britt Schilling)

Die Debatte ist mittlerweile eine bundesweite und das ist gut so. In den letzten Jahren wurde mehr und mehr dazu geforscht, woher die Objekte in den Museumssammlungen kommen. Und letztlich stellt sich auch die Frage der Restitution von Kulturgütern, die zwar vielleicht legal aus einer Sammlung gekauft wurden, aber letztlich geraubt wurden, wie dies z.B. für die Benin-Bronzen gilt.

1897 überfiel eine britische Strafexpedition – es waren auch deutsche Söldner und deutsche Kanonen mit dabei – Benin City. Der Königspalast wurde zerstört, die Stadt großteils verwüstet. Wie viele Menschen genau niedergemetzelt wurden, weiß man nicht. Geraubt wurden 3500 – 4000 Bronzen, zur Finanzierung des Kolonialkrieges landeten diese großteils in britischen Auktionen, rund 1100 der Bronzen wurden von deutschen Sammlern und Museen angekauft. Die zweitgrößte Sammlung befindet sich mit über 400 Exponaten in Berlin. In der Freiburger Sammlung finden sich ausweislich der übrigens hervorragenden Onlinesammlung einzelne Bronzen aus Benin.

Das Land Baden-Württemberg hat sich im Juli zur Rückgabe der Benin-Bronzen bekannt und damit hinter die Benin-Erklärung des Bundes und der Länder gestellt.

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Eine Voraussetzung für eine Restitution ist ein Provenienzforschung. Wir müssen mehr über unsere Sammlungen und ihre Sammlungsgeschichte, über die Herkunft der Exponate wissen. Hier ist in den letzten Jahren viel geleistet worden, auch in unseren Museen – beeindruckend finde ich hier immer wieder die in den letzten Jahren stetig gewachsene Onlinesammlung des Museums. Es freut uns daher sehr, dass sich die Museen in Freiburg in dieser Drucksache deutlich zu einer Restitution bekennen. 

Es ist gut, dass wir hier als demokratisch gewählte Vertretung der Bürgerschaft einen Grundsatzbeschluss fassen, die Museen hier in ihrer Position bestärken und uns auch zur einer Restitution bekennen. 

Kulturstaatsministerin Grütters hat die nun greifbare Rückgabe von Benin-Bronzen -als „historische Wegmarke im Umgang mit der kolonialen Vergangenheit“ bezeichnet. Dem ist – außer dem nochmaligen Dank an die städtischen Museen für ihre wertvolle Arbeit zur Erforschung der Provenienz der Exponate unserer Sammlungen – nichts hinzuzufügen.