Vielen Dank, Gerda Stuchlik!

Maria Viethen (rechts) verabschiedet Bürgermeisterin Gerad Stuchlik (links)

Nach 24 Jahren verabschieden wir Bürgermeisterin Gerda Stuchlik. In ihrer Rede bedankt sich Maria Viethen für viele wegweisende Initiativen im Bereich der Umwelt- und Bildungspolitik, die Gerda Stuchlik vorangebracht hat: „Es braucht eine Person an der Spitze, die mit Weitblick und Konsequenz Themen aufnimmt, Ziele definiert und verfolgt, mit Fachlichkeit überzeugt und mit Herzblut bei der Sache ist. Ich persönlich danke Dir, liebe Gerda, für 24 Jahre der Zusammenarbeit.“

Rede von Fraktionsvorsitzender Maria Viethen anlässlich der letzten Gemeinderatssitzung von Bürgermeisterin Gerda Stuchlik

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Dezernenten,
sehr geehrte Mitglieder der Verwaltung,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Gerda!

Wenn ich mich hier umschaue, dann sind nur noch sehr wenige Menschen im Saal, die damals dabei waren, als Gerda Stuchlik im März 1997 zur Bürgermeisterin für Umwelt und Bildung gewählt wurde. Vielleicht Adrian Hurst? Bernd Nussbaumer? Martin Haag, damals noch nicht Bürgermeister, sondern Planer im Tiefbaubauamt. Von unserer Fraktion sind das nur noch Pia Federer, Helmut Thoma und ich. 24 Jahre sind eine lange Zeit.

Fraktionsvorsitzende Maria Viethen (Bild: Britt Schilling)

Als Gerdas Stuchlik ihr Amt antrat, war das Dezernat für Umwelt und Schulen, wie es anfangs hieß, eine neue Konstruktion, bei der sich manche gefragt haben mögen, wie das zusammen gehen soll. Gerda Stuchlik hat sich dadurch nicht beirren lassen und heute läuft das sehr gut unter der Überschrift „Bildung für nachhaltige Entwicklung“.

Um eine Vorstellung dafür zu bekommen, wie Gerda Stuchlik ihre Aufgaben angegangen ist, lohnt es sich, einen Blick auf den Sportbereich zu werfen, den sie jahrelang als Dezernentin verantwortet hat. Gerda Stuchlik hat sich zunächst einen Überblick über die bestehenden Problemlagen verschafft. Und sie hat dabei alle Sportvereine der Stadt aufgesucht, damals nicht ganz 200 an der Zahl. Daraus ist dann der erste Sportentwicklungsplan der Stadt entstanden, der jetzt wieder zur Fortschreibung ansteht. Schon an diesem Beispiel zeigt sich, dass die neue Dezernentin mit großem Fleiß an die Arbeit gegangen ist, mit solider Sacharbeit, aber auch Weitblick und mit großer Hingabe für ihre Themen.

Als Gerda Stuchlik für die Schulen der Stadt Freiburg zuständig wurde, war dies ein wenig beachtetes Anhängsel der Kulturpolitik. Für die Inhalte der Schulpolitik, also den Unterrichtsstoff, ist bekanntlich das Land zuständig, die Stadt hat für die Gebäude zu sorgen. Und die waren marode, der Sanierungsstau ging schon damals in die Hunderte von Millionen. Zu Beginn ging das so weit, dass in einigen Schulen buchstäblich die Decken heruntergebrochen sind, was die Schulbürgermeisterin durch konsequente Untersuchung aller Schulen auf ihre Verkehrssicherheit in den Griff bekommen hat.

Gerda Stuchlik Bild: Stadt Freiburg

Mittlerweile sind nahezu alle Grundschulgebäude und alle Gymnasien saniert, wobei wohl durchaus hilfreich war, dass Gerda Stuchlik vor der Neueinrichtung des Baudezernats vor zehn Jahren von 2007 bis 2011 auch für das damalige Hochbauamt zuständig war. Das Credo der Bürgermeisterin war, dass das Gebäudemanagement die Gebäude in ihrem gesamten Lebenszyklus in den Blick nehmen muss. Das größte und teuerste Hochbauvorhaben der Stadt, der Neubau die Staudinger-Gesamtschule mit einem Volumen von rund 125 Mio Euro, ist gerade in der Umsetzung. Hier mussten das Werkspielhaus, ein Jugendzentrum, die Stadtteilbibliothek, perspektivisch noch eine Kita und das riesige Schulgebäude mit einem modernen Unterrichtskonzept unter einen Hut bzw. ein Dach gebracht werden. Und das Ganze mit Beteiligung der betroffenen Schüler*innen, dem Lehrpersonal und den Eltern. Dass ihr Herzensprojekt, die Gemeinschaftsschule in Dietenbach mit einem zukunftsweisenden pädagogischen Konzept, tatsächlich umgesetzt wird, hat Gerda Stuchlik noch auf den Weg gebracht, die Umsetzung dieses Mammutprojektes betrachte ich als eines ihrer vielen Vermächtnisse an uns.

Aber Bildung ist mehr als Schulen Bauen oder Sanieren. Den größten Verdienst hat Gerda Stuchlik sich wohl durch das Projekt „Bildungsregion Freiburg“ erworben. Zusammen mit dem Land Baden-Württemberg und der Bertelsmann-Stiftung, im Verlauf der Jahre auch durch den Bund gefördert, wurde 2006 ein Modellprojekt eingerichtet, das mittlerweile im Land fast flächendeckend kopiert wird. Es geht um die Vernetzung der Freiburger Schulen untereinander mit kleinen Netzwerken für Fortbildung und Qualitätsentwicklung und weiter um die Vernetzung mit außerschulischen Partnern aus Ökologie, Kultur und Sport.  Daneben ein Innovationsfonds, regelmäßige Bildungsberichterstattung, Sprachförderungsprogramme, Programme zur beruflichen Orientierung und natürlich regelmäßige Evaluation durch Feedback aller am Schulleben Beteiligten. Das Freiburger Bildungsmanagement, wie es heute heißt, ist ein Freiburger Erfolgsprojekt. Gerda Stuchliks Anspruch war, dass die Stadt nicht auf das Land warten darf. Sondern, dass für Bildungsgerechtigkeit, für gelingende Bildung von der Kita bis zur Erwachsenenbildung die Beteiligten vor Ort zusammengeführt werden müssen, um kreative Lösungen zu finden. Und dass kein Kind, kein Jugendlicher und auch kein Erwachsener auf diesem Weg verloren gehen darf.

Oberbürgermeister Martin Horn verabschiedet Gerda Stuchlik. Bild: Stadt Freiburg

Mittlerweile ist die Stadt Freiburg der Entwicklung in Bund und Land auf vielen Gebieten eine deutliche Nasenlänge voraus, was heißt, dass hier in Freiburg vieles als freiwillige Leistung auf den Weg gebracht wird, bevor es vom Gesetzgeber übernommen oder gefördert wird. Beispielsweise die Schulkindbetreuung oder die Einrichtung von Ganztagsschulen. Oder die Verpflegung der Kinder an den Schulen mit sozialer Gebührenstaffelung, das sog. 1-Euro-Essen. Als der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für Über-Drei-Jährige eingeführt wurde, später der Rechtsanspruch auf Betreuung für Unter-Drei-Jährige, war Freiburg dank der vorausschauenden Politik von Gerdas Stuchlik im Rahmen des finanziell machbaren immer gut gerüstet.

Heutzutage macht sich wohl auch keiner von Ihnen mehr Sorgen um die Entsorgung des Freiburger Mülls. Das war vor 24 Jahren deutlich anders. Als Gerda ihr Amt antrat, steckte die Mülltrennung noch in den Kinderschuhen. Es gab gerade mal das sog. Duale System, also den gelben Sack und die Papiersammlung. Der restliche Müll kam auf den Eichelbuck, eine Mülldeponie, für die die Betriebserlaubnis auslief, weil ausdiffundierende Schwermetalle und sonstige Gifte das Grundwasser bedrohten. Es kam dann die Gründung der TREA, der Verbrennungsanlage im Gewerbegebiet in Eschbach, wo der Restmüll nahezu rückstandsfrei „thermisch zersetzt“, vulgo: verbrannt wird. Für die Grünen zuerst eine kaum erträgliche Vorstellung. Der Eichelbuck wurde geschlossen und in jahrelanger Arbeit saniert, um die Grundwassergefahr zu bannen. Der etwas schläfrige Eigenbetrieb Müllentsorgung wurde umgewandelt in eine GmbH mit Minderheitsbeteiligung eines privatwirtschaftlichen Entsorgungsunternehmens, das das notwendige Know-how liefert und auf die Wirtschaftlichkeit schaut, also die heutige ASF, mit deren Ergebnissen Herr Broglin hier jedes Jahr bei der Vorstellung des Beteiligungsberichts Eindruck macht. Für die Bürger*innen in Freiburg gab es das neue Müllkonzept, die braune Tonne mit der Biogas-Verwertung und vieles mehr. Alles Prozesse und Projekte, die die Bürgermeisterin mit diesem Gemeinderat aushandeln und voranbringen musste. Ich erinnere mich noch gut an die lebhaften Tiraden von Stadtrat Patrick Evers, FDP, der versucht hat, der Bürgermeisterin Fehler bei der Ermittlung der Müllgebühren nachzuweisen. Was diese Bürgermeisterin immer kühl und souverän zu kontern gewusst hat.

Die Projekte, die Gerda Stuchlik im Bereich Klima- und Umweltschutz mit auf den Weg gebracht und maßgeblich gestaltet hat, sind in vertretbarer Zeit unmöglich aufzuzählen. Erwähnen möchte ich die Errichtung der fünf Windräder auf Freiburger Gemarkung (das sechste steht auf Gundelfinger Boden). Im Forstbereich die naturschonende Bewirtschaftung des Waldes mit dem Totholz-Konzept und der FSC-Zertifizierung des Holzbestands. Oder die Förderung von Klimaschutzprojekten, teilweise auch über den Klimaschutzfonds der Badenova, den Gerda bei der Gründung der Badenova mit angestoßen hat. Zahlreiche Klimaschutzkampagnen in den Quartieren wie etwa das „Energiequartier Haslach“ oder das „Kraftwerk Wiehre“. Wegweisend und preisgekrönt etwa auch das Projekt aus dem Jahre 20211/2012 „200 Familien aktiv fürs Klima“. Oder, ebenfalls preisgekrönt, der Green Industry Park im Industriegebiet Nord, wo Firmen in Zusammenarbeit miteinander ihren Energiebedarf optimieren. Als Folge der konsequenten Klimaschutzpolitik hat sich in Freiburg seit 1992 der CO2-Ausstoss pro Einwohner/in immerhin um 37,2%.  verringert.

Das alles gipfelte in dem Klima- und Artenschutzkonzept, das der Gemeinderat Ende 2019 verabschiedet hat, und das 90 detaillierten Maßnahmen vorsieht. Freiburg hat sich dort das Ziel gesetzt, die CO2 Emissionen bis 2030 um 60 % zu reduzieren und bis 2050 die Klimaneutralität zu erreichen. Darüber hinaus hat Gerda Stuchlik klären lassen, wie ein noch ehrgeizigeres Ziel erreichbar wäre, nämlich die Klimaneutralität bereits im Jahre 2035, was allerdings ohne Unterstützung von Bund und Land nicht denkbar wäre.

Wichtig dabei ist einer der Grundsätze von Gerda: „Man schützt nur was man kennt“. Was die überragende Bedeutung umweltpädagogischer Bemühungen unterstreicht. Mit Zähigkeit und Kreativität hat Gerda Stuchlik die Errichtung des Waldhauses durchgesetzt. Und das in Zeiten, in denen Freiburgs Haushalt bei weitem noch angespannter war als heute. Genauso wie den Umbau des Mundenhofs, der nach wie vor nicht abgeschlossen ist. Wo sie mit Konsequenz immer darauf beharrt hat, dass dieser Freizeitort mit den jahreszeitlichen Veranstaltungen für Familien keinen Eintritt kosten darf, niederschwellig sein soll und für alle Schichten der Bevölkerung attraktiv.

Wir verdanken Gerda Stuchlik – und natürlich ihrem Team – wunderbare und inspirierende Veranstaltungsreihen, zuletzt etwa die Freiburger Umweltgespräche. Ich persönlich erinnere mich besonders gerne an die Reihe „Nachhaltigkeit als Lebenskunst“ im Zeitraum 2007 bis 2009. In Zusammenarbeit mit vielen Kooperationspartnern in der Stadt ging um Veranstaltungen, die ökologische Themen mit Fragen des Lebensstils verbunden haben. Beispielsweise der Zyklus zum Thema „Hören“, wo es um Lärm und Stille ging. Da gab es Veranstaltungen von einer Rilke-Hörung in der Nonnengruft des Schwarzen Klosters über eine Fahrt zu den lautesten Orten in Freiburg bis hin zum Vortrag eines Zen-Meisters, wie auf den Klang der Stille zu achten ist.

Zum Schluss darf auch das Thema Fessenheim nicht unerwähnt bleiben. Es ist ein wunderbares Geschenk zum Ende von Gerda Stuchliks Amtszeit, dass die jahrzehntelangen Bemühungen – natürlich nicht nur der Umweltbürgermeisterin, sondern der gesamten Region über nationale und auch politische Grenzen hinweg –, die Bemühungen um die Schließung der Reaktoranlage letztendlich belohnt wurden und die Schließung nun vollzogen ist.

All diese Themen hat Gerda Stuchlik natürlich nicht allein vorangebracht. Auch Verwaltung ist Team-Arbeit. Aber es braucht eine Person an der Spitze, die mit Weitblick und Konsequenz Themen aufnimmt, Ziele definiert und verfolgt, mit Fachlichkeit überzeugt und mit Herzblut bei der Sache ist. Ich persönlich danke Dir, liebe Gerda, für 24 Jahre der Zusammenarbeit. Das war nicht immer einfach, wir sind halt sehr verschieden, aber immer verlässlich, konstruktiv und letztendlich doch sehr erfolgreich. Liebe Gerda, ich lasse Dich ungern ziehen.