„Es ist unser gemeinsames Ziel, mehr Frauen zu fördern“

Mehr Frauen fördern! Unser Stadt braucht starke Gründerinnen und ihre Ideen! Unsere Stadträtin Vanessa Carboni  macht in ihrer Rede zum Bericht der Kontaktstelle Frau und Beruf deutlich: Es bleibt noch extrem viel zu tun, um endlich auf GLEICHgestellt zu sein – angesichts von Gender Pay Gap und weiterer struktureller Benachteiligungen.

Rede von Stadträtin Vanessa Carboni zu TOP 5 der Gemeinderatssitzung vom 14.7.2020: Kontaktstelle Frau und Beruf

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Frau Gensler,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

stellen Sie sich folgende Szene vor: Kommt ein Mann von der Arbeit nach Hause und isst mit seiner Frau zu Abend. Er berichtet über die Arbeit, sie von der Zeit mit den Kindern und dass sie sich wieder vorstellen könnte, nun wieder erwerbstätig zu werden, denn die Kinder seien nun aus dem Gröbsten raus.

Stadträtin Vanessa Carboni (Bild: Britt Schilling)

Vielleicht mag dem einen oder der anderen es bis hierher vertraut vorkommen.

Der Mann erhebt sich vom Esstisch und sagt: Nein. Das verbiete ich dir, denn dann kannst du deinen Pflichten in Ehe und Familie nicht mehr gerecht werden. Punkt.

Damit war das Thema vorbei.

Klingt wie aus einem schlechten Film?

War aber Realität! Noch bis 1977 durfte eine Frau in Westdeutschland nur dann berufstätig sein, wenn das „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar“ war.  Nicht nur, dass Aufgaben im Haushalt und in der Kindererziehung klar der Frau zugeordnet waren – auch eine finanzielle Unabhängigkeit war so nahezu unmöglich.

Zum Glück ist das heute anders, mögen sich da viele sagen. Und ja: Natürlich hat sich unbestritten in den letzten 50 Jahren, was die Rechte und den Support von Frauen im Arbeitsleben angeht, einiges getan.

Auf das große Aber komme ich später zu sprechen.

Erstmal richtet sich unser großer Dank heute an das Team um Frau Gensler und die Kontaktstelle Frau und Beruf. In den letzten 25 Jahren hat die Kontaktstelle ein vielseitiges Beratungsangebot auf die Beine gestellt und viel Energie in eine dringend notwendige Öffentlichkeits- und Netzwerkarbeit, sowie eine starke Interessenvertretung gesteckt.  Die Kontaktstelle konnte zum Beispiel Freiburger Unternehmen sensibilisieren und Frauen aller Altersgruppen ermutigen und in das Erwerbsleben begleitet. Damit hat die Kontaktstelle nachhaltig dazu beigetragen, dass sich in Freiburg der Frauenanteil in höheren Unternehmensebenen / Führungsebenen und im Erwerbsleben allgemein deutlich verbessert hat. Es ist unser gemeinsames Ziel, mehr Frauen zu fördern und darin zu bestärken, ihre Ideen und Lebenskonzepte selbstbewusst und zielstrebig umzusetzen.

Unsere Stadt braucht starke Gründerinnen und ihre Ideen für eine zukunftsfähige Entwicklung. Und unsere Stadt kann von vielen Frauen in unternehmerischer Verantwortung als starke Vorbilder nur profitieren. Gerne noch viel mehr davon! Dabei möchte ich hier aber noch klar anmerken, dass wir meiner Meinung nach eine Quote in Unternehmen einführen müssen, damit sich diese Entwicklung noch deutlicher verbessert und vor allem endlich schneller voran kommt.

In dem 25-jährigen Bestehen der Kontaktstelle Frau und Beruf mussten Sie auch flexibel auf verschiedene arbeitsmarktbedingte Veränderungen reagieren – die Hartz IV-Gesetzgebungen, aber auch ganz aktuell die Herausforderungen der Corona-Pandemie sind nur wenige Beispiele davon. Die jetzige Situation, aber auch der uns vorliegende Bericht zeigen uns noch einmal auf vielfältige Weise, wie unabdingbar daher Personalstellen in Ihrem Haus sind und wie wichtig es war, die Kontaktstelle Frau und Beruf in den letzten Jahren aufzustocken. Und natürlich freut es uns ganz besonders, dass sich Ihre tolle Arbeit in den Umfragewerten in der Zufriedenheit der Frauen widerspiegelt.

Wir danken Ihnen an der Stelle auch für die wertvolle und unerlässliche Integrationsarbeit, die sie tagtäglich leisten. Dass Sie hierbei eine Vorreiterinnenrolle einnehmen, zeigt das von Ihnen initiierte und mittlerweile von Wirtschaftsministerium BW aufgegriffene Mentorinnen-Programm für Migrantinnen.

So. Kommen wir nun wieder zurück zum Großen Ganzen – und dem damit verbundenen ABER : Die tiefe Verankerung der Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern. Die Coronakrise hält das Brennglas eben darauf– da stimme ich Frau Söhne absolut zu:  Auf Ungerechtigkeiten, die die ganze Zeit schon bestanden:  Beispielsweise bei der Ungleichverteilung der unbezahlten Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern. Denn so sind es vorwiegend Frauen, die sich aus dem Arbeitsmarkt zurückziehen, um weggefallene Betreuungsmöglichkeiten für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige zu kompensieren. Dies wird in der mittelfristigen Zukunft enorme Auswirkungen auf ihre Berufs- und Aufstiegschancen und ihre finanzielle Absicherung haben.

Aber klar, 1977 und heute- Immerhin dürfen sie ohne die Erlaubnis des Mannes arbeiten.

Spaß beiseite:

Wir Frauen fordern gleichen Lohn für gleiche Arbeit!
Wir wollen die Hälfte der Macht und Sichtbarkeit im Politischen sowie in Wirtschaft und Führungspositionen!
Ob Kinder, Karriere oder beides – wir Frauen möchten uns frei entscheiden können!
Warum ist es für so viele ein Problem, dass wir alles wollen vom Leben? Ist das etwa zu viel?

Wir wollen nicht zu viel – wir wollen einfach GLEICH. Wir wollen, dass Chancen, Macht, Geld und Zeit endlich gerecht zwischen Frauen und Männern aufgeteilt werden.

Genau das zeigen beide Berichte nämlich auch: Es bleibt noch extrem viel zu tun, um endlich auf GLEICH gestellt zu sein. Weibliche Realitäten wie der Gender Pay Gap, die Ungleichverteilung der unbezahlten Sorgearbeit, schlecht bezahlte Care-Berufe, Altersarmut und strukturelle Benachteiligungen bleiben – wie Frau Thomas gerade auch nochmal bestätigte – eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Wir werden diese Aufgabe als Stadtgesellschaft ernstnehmen und gemeinsam hoffentlich noch deutlich offensiver angehen können, um spätestens beim 50-jährigen Jubiläum der Kontaktstelle endlich von einer wirklichen Gleichstellung von Frauen sprechen zu können. Es wird allerhöchste Zeit!

Vielen Dank!

 

 

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